Wie der Räuber zu seinem Namen kam

 
Wer eines Menschen richtigen Namen weiß, kann geheime Macht über ihn gewinnen und ausüben. Das ist eine magische Binsenweisheit. Nicht umsonst fürchtet das Rumpelstilzchen die Preisgabe seines Namens. Nicht von ungefähr bleibt Rübezahls wahrer Name sein wohlgehütetes Geheimnis. 
 
Dies habe ich auch beim Geschichtenerzählen erlebt, und ich erlebe das immer wieder. Die richtige Wahl des Namens für die Hauptpersonen und deren Widersacher spielt eine große, man darf ruhig sagen: eine entscheidende Rolle. Für jeden von ihnen muss ich den richtigen Namen wissen, erst dann kann ich anfangen zu erzählen. Der Name spricht und wirkt für sich selbst. Ihn zu wissen und zu verwenden, enthebt mich in aller Regel sogar der Mühe, seinen Träger umständlich zu beschreiben. Anders gesagt: Die Personen in meinen Geschichten, Gute wie Böse, beginnen erst dann ihr leibhaftiges Leben zu leben, wenn beides zusammenpasst, meine Vorstellung von ihnen und der ihnen eigene Name. Ehe diese Voraussetzung nicht gegeben ist, brauche ich mit dem Erzählen gar nicht erst anzufangen.
 
Manchmal sucht sich ein vorgegebener Name die ihm entsprechende Gestalt, dies ist bei Krabat der Fall gewesen. Und manchmal, viel häufiger übrigens, sehe ich mich der schwierigen Aufgabe gegenüber, einer bestimmten Gestalt den einzigen ihr gemäßen, mir vorerst noch verborgenen Namen zu suchen. Als Beispiel dafür sei auf jenen Räuber verwiesen, von dem anfangs bloß soviel feststand, dass er in der Geschichte von Großmutters geraubter Kaffeemühle als Gegenspieler von Kasperl und Seppel auftreten sollte.
 
Was immer ein richtiger Räuber in einer Kasperlgeschichte zur ordnungsgemäßen Ausübung seines Berufes benötigt, war längst vorhanden. Von der Räuberhöhle bis zur Pfefferpistole, von den sieben Messern im Gürtel bis zu der Tatsache, dass alle Leute entsetzliche Angst vor ihm hatten, sogar der Herr Wachtmeister Dimpfelmoser, der immerhin von der Polizei war. Das einzige, was meinem Räuber vorerst noch fehlte, waren elf Buchstaben, wie ich heute weiß. Elf Buchstaben seines wahren Namens, der sich mir lange Zeit nicht enthüllen wollte. Das soll ja vorkommen.
 
Aus solcher Lage gibt es nur einen Ausweg. Will der einzig mögliche Name sich nicht von selber einstellen, muss man eben versuchen, ihn aufzuspüren. Das kann langwierig sein, aber man darf nicht aufgeben. Ich habe mir also eine lange Liste denkbarer Räubernamen angelegt, von Pistolinski und Pistolatzki bis zum Räuber Hetschepetsch. Der Räuber Schmirgel, der Herr Raubmörder Kögler, der Räuber Karasek – allerlei Namen, die mir aus den Kalendergeschichten meiner Kinderzeit in Erinnerung geblieben waren, stellten sich wieder ein. Sie aufschreiben, hieß sie verwerfen. Keiner von ihnen taugte für diesen einen, diesen ganz bestimmten Räuber, den ich längst und sehr deutlich vor Augen hatte. Nicht eigentlich als Bösewicht, vor dem man sich fürchten musste. Mehr als Polterer, dumm und pfiffig zugleich. Ein augenzwinkerndes Großmaul, das zwar Polizisten in Angst und Schrecken versetzt, nicht aber meine Freunde Kasperl und Seppel. Und schon gar nicht die Kinder, denen ich die Geschichte erzählen wollte.
 
So bin ich samt meiner Liste lange im Dunkeln herumgetappt. Bis sich dann, wie von selbst, eines Tages der Name Hotzenplotz einstellte. „Hotzenplotz“ – passte er nicht wie der Räuberhut auf den struppigen Räuberschädel? Natürlich, das war der Name für meinen Räuber, er ist es von jeher gewesen! Er und kein anderer. Unverständlich, dass ich so lange danach hatte suchen müssen ...
 
Natürlich wusste ich, dass es drüben in Mährisch-Schlesien eine kleine Stadt gab, die diesen kuriosen Namen trug. Und ein Flüsschen auch. Na und: Warum sollte mein Räuber nicht auch so heißen?
 
Es hat sich herausgestellt, dass ich anscheinend in der Tat seinen einzig richtigen, seinen geheimen Namen erraten hatte. Erraten? Er war mir zugefallen, es lässt sich nicht anders sagen. Nach langer Suche war mir der Name zugefallen. Ganz und gar unverhofft, wie aus heiterem Himmel. Und dass es der einzig wahre, der wirkliche Name gewesen ist, sollte sich bald erweisen. Von jetzt an ist nämlich alles sehr schnell gegangen. Mein Räuber, der Räuber Hotzenplotz war unwiderruflich zum Leben erwacht. Und zu was für einem! 
 
Die ehemaligen Bewohner jenes Städtchens in Mährisch-Schlesien, das sich auf neueren Landkarten bloß noch unter der tschechischen Ortsbezeichnung „Osoblaha“ verzeichnet findet, mögen es mir nachsehen, dass ich mich mit einem Räuber eingelassen habe, dessen geheimer Name aus der Kombination von elf Buchstaben in einer gewissen Reihenfolge besteht, die ihnen lieb und teuer geblieben ist. Möglicherweise ist es für sie ganz tröstlich zu wissen, dass der Name Hotzenplotz in der Verbindung mit meinen Kasperlgeschichten vielen Millionen Kindern geläufig ist und gern von ihnen gehört oder auch gelesen wird. Nicht nur bei uns in Deutschland übrigens.

(Otfried Preußler, 2009)

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